Angst - und nichts geht mehr

Gepostet von Barbara Spring am Freitag, Oktober 9, 2015 Unter: Angst

Wie Gefühle unser Handeln bestimmen



Alles beginnt so toll. Endlich ist er da, dieser eine Auftrag, auf den wir so lange hin gearbeitet haben. Wir sind selbständig erwerbend und haben Mitarbeitende. Sie vertrauen uns. Sie wissen, dass das ein gutes Projekt werden wird. Die Arbeiten werden sechs Monate am Stück in Anspruch nehmen. Es geht um die Gesamtrevision einer Grossanlage. Und wir haben den Zuschlag für diesen Auftrag erhalten. Alles läuft perfekt. Endlich ist der Durchbruch da!

Wir starten. Die Rahmenbedingungen stimmen. Ja, es war die richtige Entscheidung, alle Energie in diesen Auftrag zu investieren. Nach drei Monaten: Halbzeit und wir kommen in unserer Arbeit gut voran. Wir sind weit weg von zuhause…im Ausland tätig. Täglich telefonieren und mailen wir mit unseren Liebsten. Alle haben wir Heimweh und Sehnsucht nacheinander. Doch es geht ja nicht mehr lange und wir sind wieder alle beisammen. Und die Geldsorgen sind für ein paar Monate vergessen. Die Mitarbeitenden sind nach wie vor motiviert. Wir bezahlen sie alle zwei Wochen, die Freizeit im Rotationsverfahren ist für alle stimmig. So macht die Arbeit Spass.

Wir benötigen weiteres Material und bestellen bei einem Lieferanten weit weg am anderen Ende der Welt. Die Ware kommt in vier Wochen mit dem Schiff. Wir haben kalkuliert... den gesamten Auftrag, die Personalkosten, Material, Unvorhergesehenes. Eine kleine Reserve ist mit eingebaut... wir mussten schon ein paar Mal davon zehren... mehr Unvorhergesehenes ist aufgetaucht. Dennoch muss die Reserve bis zum Auftragsabschluss reichen. Sie muss einfach reichen. Dann kommt die Mitteilung: die Ware steht im Hafen XY bereit... Auslöse-/Löschsumme umgerechnet Fr. 12'000.-- Von dieser zusätzlichen Summe war nie die Rede! Wir wissen; keine Chance - so viel Reserve ist nicht mehr im Topf. Zu viel Unerwartetes ist in der Zwischenzeit angefallen. Und die Gelder vom Auftraggeber fliessen erst nach vollständiger Auftragserledigung. Die 10% Anzahlung... das waren die Reserven. 

Angst blockiert
Aus Angst erzählen wir nicht die ganze Geschichte. Dass es unser erster Auftrag in dieser Art ist. Dass wir damit ja noch gar keine Erfahrungen gemacht haben. Dass wir dadurch vielleicht einen "Fehler" gemacht haben - weil wir es nicht besser wussten. Das Leben lehrt uns gerade eine ganze Menge. Und es schmerzt, macht Angst. Angst das Gesicht zu verlieren, Angst zugeben zu müssen, dass wir nicht alles bedacht hatten. Wir haben Angst ein Verlierer zu sein. Angst so viel investiert und schlussendlich zu viel auf diese eine Karte gesetzt zu haben.


Aus Angst ziehen wir uns zurück. Wir versuchen die Angelegenheit irgendwie selber zu lösen. Doch wie?! Wir sitzen hier in einem fremden Land, mitten in einer unzugänglichen Gegend und können nicht so agieren, wie wir es uns von zuhause aus gewohnt sind. Wir sind noch nicht so gut vernetzt, wissen nicht, an wen wir uns wenden können. Wir bleiben in unserer Unterkunft, hocken uns wie ein kleines Kind in eine Ecke und hoffen auf ein Wunder.
Wir wollen doch nur diesen Job endlich erledigen und nachhause... noch ein paar Wochen und wir können mit allen Arbeiten fertig sein - doch ohne dieses Material - undenkbar! Wir haben mit dem Auftraggeber einen verbindlichen Vertrag. Die Rahmenbedingungen sind nicht neu aushandelbar. Null Chance. Wir können die Auslöse-/Löschsumme nicht aufbringen. Die Ware kann im Hafen nicht gelöscht werden. Keine Lieferung. Auftrag kann nicht erfüllt werden. Panik!

Aus Angst greifen wir an. Aus Angst drohen wir. Wir sehen keinen anderen Ausweg, als andere unter Druck zu setzen. Wir brauchen jetzt unbedingt Hilfe. Doch Druck löst immer Gegendruck aus und anstelle von Hilfe tauchen neue Probleme auf. Die anderen lassen sich unser Verhalten nicht gefallen, verstehen nicht, dass wir aus höchster Not heraus agieren. 

Das Projekt steht kurz vor dem Scheitern. Alle Felle drohen davon zu schwimmen. Der Stress, die Panik ist kaum mehr auszuhalten. Der Magen krampft sich zusammen, der Nacken fühlt sich steinhart an. Der Körper ist in höchster Alarmbereitschaft und Anspannung. Wir finden keinen Schlaf mehr. Wir können nicht mehr klar denken. Sehen nur noch das Problem vor uns. Wir sehen nur noch wie wir scheitern. Worstcase-Szenario in seiner höchster Vollendung.
 


In Varianten und Möglichkeiten denken




Und als wir glaubten, unsere Welt würde demnächst untergehen, gehen Türchen auf. Vielleicht ruft ein lange nicht mehr gehörter Bekannter an. Einfach so, weil ihm gerade danach war, kurz hallo zu sagen. Wir können endlich erzählen, wie es uns geht, was uns gerade so sehr Kummer macht. Und dieser liebe Mensch weiss Rat. Vielleicht ist es eine ganz simple Idee auf die wir selber einfach nicht gekommen sind. Vielleicht können wir doch mit unserem Auftraggeber ins Gespräch kommen, ihm die ganze Situation erklären und erhalten eine zusätzliche Vorauszahlung. Oder wir können die Auslöse-/Löschsumme runterhandeln, in Raten zahlen..., oder, oder, oder.

Es gibt immer Möglichkeiten. Wenn wir jedoch in der Angst verharren, können wir nicht in Möglichkeiten und Varianten denken. Dann übernimmt das innere Kind das Steuer und wir denken - fühlen und handeln wie damals, als wir ein Kleinkind waren. Wir können in diesem Zustand nicht mehr rational denken. Anstelle dass wir innerlich zur Ruhe kommen, tun wir immer wie mehr Dinge, die uns nicht gut tun. Die Negativspirale beginnt sich schneller und schneller zu drehen. Wir können uns von diesen schrecklichen Gedanken nicht mehr losreissen und drohen darin zu ertrinken.

Aktiv werden
Da hilft es, sich zu fragen: ja was ist denn das Aller-Allerschlimmste, was passieren kann? Was würde ein guter Freund zu dieser Situation jetzt sagen? Was genau macht mir denn solche Angst, dass ich nicht mehr klar denken kann? Wovor fürchte ich mich wirklich? Wo hatte ich dieses Gefühl schon einmal und konnte daraus aussteigen - was hat mir damals geholfen? Wie habe ich andere, für mich schwierige Situationen bisher gemeistert - welche Stärken und Fähigkeiten habe ich, die ich jetzt einsetzen kann?

Aktiv werden. Nicht in der Ecke hocken bleiben und auf das Ende warten. Irgendwer hat immer das Steuer des (Er-)Lebens in der Hand. ist es nicht die günstigere Version, wenn wir selber steuern und dadurch bestimmen, wo es lang gehen soll?

Stehe still und sammle dich
Wenn Hilfe und Erleichterung naht, wird es auch in unserem Kopf wieder ruhiger und wir können wieder als Erwachsene/r denken - fühlen und handeln.
Ja, und manchmal gibt es auch keine andere Lösung als sich und anderen einzugestehen: ja, wir haben einen Fehler gemacht. Der ist nun mal passiert und kann nicht rückgängig gemacht werden. Das kann sehr schmerzhaft sein. Doch was wir daraus lernen können ist von grosser Bedeutung. Dadurch, dass wir auch zu unseren Schwächen stehen, werden wir stärker. Es macht uns menschlicher. In diesem Sinne: lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende
.
 

"Nicht die Dinge selbst beunruhigen den Menschen,
sondern die Vorstellungen, die er sich von den Dingen macht"
Epiktet 50-138 n.Chr.)


Unsere Gedanken sind immer "hausgemacht". Kein anderer kann für uns denken. Das ist unser Anteil, unsere Entscheidung und unsere Verantwortung. Durch unser Denken lösen wir immer Gefühle aus. Die Gefühle sind immer ein Produkt unseres Denkens und lösen immer eine Handlung aus. Es sind Zahnräder, die immer und immer wieder ineinander greifen. Unaufhörlich. Denken - Fühlen - Handeln. Ist die Erkenntnis, dass unsere Gedanken immer "hausgemacht" sind nicht wunderbar! Denn dadurch haben wir ja immer wieder die Wahl, was und wie wir denken wollen. Ob als Opfer, als Statist des (Er-)Lebens oder doch immer wieder, immer wie mehr in Varianten, Möglichkeiten, als Regisseur des eigenen (Er-)Lebens.

In: Angst 


Tags: "blockade lösen" gefühle 

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