Mit Speck fängt man Mäuse

Gepostet von Barbara Spring am Dienstag, Oktober 27, 2015 Unter: Lebensstil
Von Gutgläubigkeit und gesunder Skepsis



Wie schnell vertrauen wir? Was braucht es, damit wir bereit sind, unserem Gegenüber unser Vertrauen schenken zu wollen? Wann glauben wir, unser Gegenüber oder die Situation "richtig" einschätzen zu können? Worauf bauen wir unser Vertrauen auf?
Ein Beispiel aus eigener Erfahrung. Ich komme wiederholt in den Genuss von Onlinekontaktanfragen auf diversen sozialen Plattformen. Ich freue mich über jede Anfrage gleichermassen, denn sie zeugt für mich von Interesse. Zum Glück sind die meisten Menschen offen, transparent und geben den Grund ihrer Anfrage zu erkennen oder er ist selbsterklärend. Netzwerken eben. Jedoch ist bei einigen Anfragen Vorsicht und eine gesunde Skepsis durchaus angebracht. Weil ich das weiss? Na...die Erfahrung lehrt uns immer wieder Neues und Erstaunliches.  
Das Vorgehen ist psychologisch simpel und es funktioniert immer wieder. Und das längst nicht nur online - auch in unserem täglichen, realen Leben. 
Das Rezept: Erst mal gilt es Vertrauen aufzubauen. Komplimente und Nettigkeiten kommen hinzu. Schmeichelnde Worte. Dann wird versucht, uns auf der Gefühlsebene abzuholen. Wenn das gelungen ist wird Druck aufgebaut. Das Ziel: Das gewonnene Vertrauen zu missbrauchen - zu was auch immer. Die Botschaft kann z.B. heissen: "wenn du ein guter, ehrlicher, verantwortungsvoller, sozialer...etc. Mensch bist, musst du jetzt...". - und das wollen wir im Grunde doch alle sein - ein "guter" Mensch. 

Ein anderes Beispiel sind Mails von Absendern die wir nicht kennen. Die Neugier ist gross... wir öffnen die Mail und entdecken einen verlockenden Link. Klicken wir jetzt drauf oder nicht? Können wir abschätzen, ob sich ein möglicher Schaden in Grenzen halten lässt oder nicht?

So entscheiden wir uns täglich xig-Mal ob wir vertrauen wollen oder nicht. Wie stehts mit dem Vertrauen uns selbst gegenüber? Wenn wir uns selbst nicht vertrauen können (wollen)... wie sollen es dann andere tun?  

Wann und wem schenken wir unser Vertrauen
Gut zu wissen: Wir müssen erst mal gar nichts! Wir selbst sind es, die entscheiden.
Beim Beispiel der Onlinekontaktanfragen: Was veranlasst uns nun, die Anfrage abzulehnen oder anzunehmen? Woran "koppeln" wir unser Vertrauenwollen? Wir können unser Gegenüber weder sehen noch hören. Im besten Fall ist ein Profilbild hinterlegt, ob's echt ist?!. Das Unterfangen "Vertrauen ja oder nein" wird dadurch noch um einiges schwieriger. Es fehlen Stimme, Mimik und Gestik. Wir können unserem Gegenüber nicht in die Augen sehen, unser Unterbewusstsein kann sich nicht auf die - ebenfalls unbewussten - Signale des Gegenübers ausrichten. Wir haben keine Referenzpunkte, können nicht prüfen, was stimmt und was nicht. Wir lesen Worte und Worte wirken immer. Das Gelesene füllen wir mit unseren eigenen Erfahrungen, Vorstellungen, Wünschen und Bedürfnissen ab. Wir entscheiden auf Basis unserer subjektiven Wahrnehmung.  

Und das Beispiel vom Link: Klick ja... Klick nein... Neugier zulassen oder doch lieber auf der sicheren Seite bleiben?

Trau - Schau - Wem
Welche Stimme spricht in uns, wenn wir versuchen zu ergründen, ob wir vertrauen können oder nicht? Ist es unser Kopf (das Rationale - der "erwachsene" Anteil in uns) oder unser Bauch (die Gefühle, Sehnsüchte, Wünsche, Bedürfnisse - das "innere Kind" in uns)? Welcher Stimme folgen wir? Was wünschen wir uns insgeheim?

Was für ein Typ Mensch sind wir
  • Sind wir ein "Gutmensch" und wollen es immer und möglichst auch noch allen recht machen (was ja nie geht!)
  • Haben wir in unserer Kindheit mit anderen Menschen Erfahrungen machen können, die stimmig waren und Vertrauen (auch Selbstvertrauen) förderten. Und so fühlen wir uns in der Lage auch immer wieder überzeugt und mit gutem Gefühl "Nein danke" sagen zu können?
  • Wurden wir immer wieder über's Ohr gehauen, ausgenutzt weil wir zu gutgläubig waren (und wir lassen es bis heute immer wieder zu, über's Ohr gehauen zu werden)?
Was "nutzt" uns unser Verhalten? Und warum resp. wozu?! tappen wir immer wieder in dieselben (notabene selbstgebauten!) Fallen? Wenn wir nach dem Wozu? fragen, können wir den wahren Grund unseres Verhaltens erkennen. 

Denn: "Wenn du wissen willst, was du willst, musst du schauen was du tust
und was das Resultat deines Handelns ist"

Also was erleben wir ganz zum Schluss immer und immer wieder? Das zu erkennen ist wichtig. Darin liegt die Essenz. Das ist unsere geheime Überzeugung. Diese Überzeugung haben wir tief in uns eingelagert und wir "glauben" ohne es zu wissen unser Leben lang daran. Und das Verrückte daran ist: wir verhalten uns auch noch danach - unbewusst! In der Individualpsychologie nennen wir dieses Verhalten Finalität. Es sind die für uns bewährten Vorgehensweisen bestätigt durch die Erfahrungen aus unserer eigenen Vergangenheit. 

"Ob man sein Leben lachend oder weinend verbringt - es ist die gleiche Lebenszeit"
(Japanisches Sprichwort)


Es zählt die eigene Sicht
Jeder Mensch erlebt sein (Er-)Leben durch den Filter seiner eigenen, ganz persönlichen Meinungen aus der frühen Kindheit. Von klein auf erschaffen wir uns - jeder für sich - ein System der eigenen, subjektiven Wahrnehmung.
  • Es gibt keine Objektivität - jede/r hat aus seiner Sicht "recht"
  • Das Verhalten des Einzelnen macht für ihn in diesem Augenblick Sinn - ist für ihn absolut normal
  • Jeder Mensch kann also nur durch seine subjektive Brille die Dinge um sich herum erfassen
  • Der Mensch bildet in seinem Kopf nicht die Wirklichkeit ab, sondern er konstruiert vielmehr die Wirklichkeit auf der Grundlage seiner Erfahrungen und Erwartungen
Jede/r ist für sich, für seine Erfahrungen selbst verantwortlich
Lassen wir diesen Satz einmal auf uns wirken: unser Unterbewusstsein nimmt als Wahrheit hin, was immer wir denken. 
Wie wäre es, wenn wir uns gelegentlich fragen, was wir mit unserem Vertrauen wirklich bezwecken wollen? Im ersten Moment würden wir sagen: "na, ich will helfen" oder "Vertrauen ist die Basis für alles Weitere". Sicher. Und dann... was ist dann? Ist unsere Hilfe, Unterstützung explizit angefragt worden? Was hindert uns womöglich daran, voller Überzeugung Nein zu sagen? Helfen wir meistens ungefragt, weil wir glauben, dass es sich so gehört? Und was ist, wenn wir uns dann - wieder einmal mehr - übervorteilt, hintergangen, ausgenutzt fühlen? Wir bieten uns ja immer wieder blauäugig, gutgläubig dazu an. Also was genau wollen wir wirklich erreichen? Ist unsere unbewusste Meinung womöglich die, dass wir überzeugt sind, dass es unser Schicksal ist, immer wieder ausgenutzt zu werden? Dazu braucht es meistens zwei ;-) Einer der "ausnutzt" und einer der "ausnutzen lässt". 

Übung - was "nutzt" uns unser (vorschnelles) Vertrauen
Stellen wir uns diese Frage in aller Ruhe und Ehrlichkeit. Am besten schreiben wir die Frage und die Antworten dazu auf. Uns kommen keine Antworten in den Sinn? Einfach die Stichworte aufschreiben, die unser Kopf produziert wenn wir an das Wort "Vertrauen" denken. Solange, bis wirklich nichts mehr im Innern auftaucht. Jetzt schauen wir uns die Stichworte an. Welche fallen ins Auge? Die behalten wir. Alle anderen können wir wieder streichen. Finden sich nun in den übrig gebliebenen Worten Gemeinsamkeiten? Ist ein roter Faden erkennbar? Was lösen diese Worte in uns für Gedanken und Gefühle aus? Auch das alles aufschreiben. 

Was immer wir über uns und das Leben denken, wird für uns wahr werden


Somit sollten wir damit beginnen zu erkennen, was wir für Gedanken und Grundüberzeugungen in uns "pflegen", was wir von uns und anderen erwarten. Und dieses Denken einer gründlichen Überprüfung unterziehen. 

Unsere Gedanken und Erwartungen sind das Saatgut von heute und die Ernte von morgen. 

"Jeder Mensch kann alles, solange er sich selber keine Grenzen setzt"
(Alfred Adler 1870 - 1937)


Wenn du wissen willst, was du willst, musst du schauen was du tust und was das Resultat eines Handelns ist. 
Was haben wir jetzt mit unserer kleinen Übung herausgefunden? Und was könnten wir einmal anders denken, anders machen als bisher? Es lohnt sich durchaus, da Zeit und Wille zu investieren! 

Wie wäre es, das nächste Mal innerlich zu stoppen, zu spüren, was uns gerade wichtig ist um erst dann zu entscheiden ob Vertrauen angebracht ist oder nicht. Lassen wir mehr und mehr unsere Entscheidungen reifen - nicht wie immer sonder immer wie bewusster.  

In: Lebensstil 


Tags: vertrauen "nein sagen können" objektivität 

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